mark&bein 6. Mai, 20.30 Uhr

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theater roxy
- ein Varianders -
Die Band für die Nase, das Ensemble für die Ohren, die Kostüme für die Augen, das Chaos für die Geister, im Tanz für die Herzen.

die anderen

 


Ein Weg, der nicht lang genug sein kann
«Die Anderen im Ausgang»: Ein Projekt mit Behinderten und nicht Behinderten sucht die Öffentlichkeit – und steckt sie mit Charme an. (BaZ, 2. Dezember 2003, David Wohnlich)

Arlesheim. Die junge, geistig behinderte Frau kann den Konzertbeginn nicht erwarten. Ungeduldig schreitet sie die umfangreiche Sammlung teilweise exotischer Musikinstrumente ab, überprüft die richtige Lage der einzelnen Klangerzeuger, entlockt dem einen oder anderen probeweise Klänge. Der Fachmann erkennt, dass sie sehr wohl weiss, wie man die Instrumente spielt – ein erster Erleichterungsschub stellt sich ein: Die Befürchtung des allzu Kritischen, man lasse Behinderte auf Schlaginstrumente los, weil sie da nicht viel falsch machen könnten, zerstreut sich; sie überhaupt genährt zu haben beschämt den Betreffenden (mich). So ereignet sich sogar bereits vor dem Konzertbeginn der Band «mark & bein» das, was der Verein «die Anderen» will – nämlich die Begegnung und die kreative Zusammenarbeit von Behinderten und nicht (oder anders) Behinderten zu fördern.
Dann legen «mark & bein» los. Es ist eine moderne Form von «art brut», die den Raum erfüllt, eine Musik, die sich von traditionellen ästhetischen Vorstellungen befreit und ein beinahe atavistisch motiviertes Musizieren aufsucht. Die Sammlung der klassischen musikalischen Parameter wird um solche erweitert, für die es keine Noten und keine Vortragsbezeichnungen gibt: Energiefluss, Klangmagie, Grad des Rauschzustandes.
Weder in der Musik noch in den Texten wird zuallererst so etwas wie semantische Verständlichkeit angestrebt; zuweilen klingt der Gesang vielmehr wie das Beschwörungszeremoniell eines Schamanen – was er möglicherweise tatsächlich ist.
Nach «mark & bein» gab es Trickfilme, die in einem Kurs unter der Leitung von Kilian Dellers entstanden waren – Filme, die zu schön sind, als dass man ihnen mit einer Beschreibung gerecht werden könnte. Sie zeigen in eindringlich gezeichneten und gemalten bewegten Bildern seltsame Metamorphosen, lassen Kürbisse zu Monden werden und Urmütter zu Wickelkindern. Die ungebremste Poesie der Sequenzen und der radikale Verzicht auf eine Anpassung an die von Hollywood vorgegebene Trickfilmästhetik schaffen Bilderwelten von eindringlicher künstlerischer Dichte.
Zum Schluss trat die grosse Band «die Einweicher» auf – mit ähnlichen Qualitäten wie «mark & bein», in Fragen der musikalischen Formen und des Gesamtklangs vielleicht noch nicht ganz so kompromisslos wie diese und etwas weniger resistent gegen die Versuchung, auf tradierte Mittel zurückzugreifen. Wunderschön war eine Liebesballade, die eine Begegnung eines jungen behinderten Mannes mit einer Frau im Bus beschreibt – die Worte bleiben meist unverständlich; Gestus und Intensität des Gesangs und der Musik reden klarer und deutlicher, als Worte es vermöchten.
Der Weg zum Ziel, das «die Anderen» sich gesetzt haben, dieser Weg mag noch sehr lang sein. Wenn aber auf ihm derart aufschlussreiche und – vor allem – vergnügliche Wegmarken aufblitzen, dann kann er eigentlich nicht lang genug sein.